Für die Gesellschaft

Nachfolgend Auszüge aus der Magisterarbeit „Die katholische Kirche als Hüterin des ungeborenen Lebens und einer menschenwürdigen Begegnung der Geschlechter“ von Christian M. Gerl(M.A.)

Bereits 1964 machten vierhundert Ärzte und fünfundvierzig Universitätsprofessoren in der ´Ulmer Ärztedenkschrift` die Regierung darauf aufmerksam, dass die sexuelle Revolution „biologische, soziologische, politische, geistig-moralische und wirtschaftliche Konsequenzen“ mit sich führen werde und „dass >Deutschland zu einem sterbenden Volk werden würde<“,107 denn „die Antibabypille erzeugt eine Antibabyhaltung; und die Antibabyhaltung führt zur Abtreibung…“.108 Durch die aufgezeigten Methoden der Überbevölkerungslügen entstehen aufgrund millionenfacher Tötung ungeborenen Lebens “Bevölkerungsimplosionen“ in allen westlichen Industrieländern. Abtreibungen können durch Verhütungsmittel nicht eingedämmt werden. Anstatt abzunehmen steigt die Abtreibungswelle gerade dort, wo “Pille“ und andere Verhütungsmethoden häufig angewendet werden, denn wo mehr verhütet wird, sind auch die Versagerquoten größer und demzufolge wird die Abtreibung als “Sicherheit“ benötigt.109 Beobachtet man die rasant ansteigende Zahl von Hundebesitzern der letzten Jahre, vor allem in deutschsprachigen Ländern, in England und in den USA, sei die Frage gestattet, wie viele dieser Tiere wohl als “Platzhalter und Lückenbüßer“ freiwillig dezimierter Familien in unserer Gesellschaft fungieren. 

Künstliche Verhütungsmaßnahmen trennen Sexualität als reine Lustbefriedigung von Liebe und Verantwortung, was wiederum zur „Promiskuität mit allen seelischen und körperlichen Gesundheitsgefahren“110 führt.  Ein ungesundes “Klima“ durch überlastete Familienstrukturen fördert den Weg zu gottlosen, degenerierten Gesellschafts- und Regierungsformen. Im Umkehrschluss dazu resultiert der Werteverfall in den Familien aus einer abnehmenden Religiosität und Gottesfurcht bei Politikern und Wirtschaftfunktionären, den eigentlichen “Vorbildern“ der Gesellschaft. Ein Teufelskreis ungeahnten Ausmaßes verbirgt sich hinter einer angeblich „frauenfreundlichen“ Familienpolitik.  

Das Ergebnis einer solchen Denkweise erkennen wir nicht nur an den immens gesteigerten Scheidungs- und Selbstmordraten der vergangenen Jahrzehnte, sondern auch an den erhöhten Singlehaushalten in Großstädten. Treue, Verbindlichkeit und Verantwortung gelten heute als Reliquiare längst vergangener Zeiten. Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung ohne für notwendig erachtete Regelapparate sind die Kennzeichen einer neuen Gesellschaftsform, welche sich den Namen “Gender-Mainstreaming“ gegeben hat. Diese schleichende Ideologie proklamiert die Geschlechtlichkeit zur Akzidenz, also zum Wandelbaren, und damit nicht mehr zur Substanz dazugehörig. „Man kommt nicht als Frau zur Welt, sondern man wird es“, sind beispielsweise Schlagworte der Frauenrechtlerin S. Beauvoir. Eine weitere Feministin drückt sich noch deutlicher aus: „Deswegen brauchen wir eine Revolution, die von der ausgebeuteten Klasse(den Frauen) getragen wird(…). Die Inbesitznahme der Kontrolle der Reproduktion durch die Frauen wird die Vernichtung der gesellschaftsspezifischen Klassengesellschaft gewährleisten. Frauen müssen nicht nur wieder in Besitz der uneingeschränkten Eigentumsrechte über den eigenen Körper gelangen, sondern auch vorübergehend die Kontrolle über die Fruchtbarkeit des Menschen übernehmen, also über eine neue Bevölkerungsbiologie wie auch über die sozialen Institutionen, die mit Geburt und Erziehung der Kinder zu tun haben. Genau wie am Ende einer sozialistischen Revolution nicht nur die Abschaffung von ökonomischen Klassenprivilegien, sondern die Aufhebung der Klassenunterschiede selbst steht, so muss die feministische Revolution, im Gegensatz zur ersten feministischen Bewegung, nicht einfach auf die Beseitigung männlicher Privilegien, sondern der Geschlechtsunterschiede selbst zielen: genitale Unterschiede zwischen den Geschlechtern hätten dann keine gesellschaftliche Bedeutung mehr.“111

Richtig verstanden beinhaltet “Gender“ einen Frontalangriff auf das Naturgesetz und damit auf die Schöpfungsordnung Gottes. Letztendlich richtet sich diese Ausrichtung gegen Gott selbst, weil man den Ursprung allen Seins als Herrn des Lebens nicht anerkennen will.112  Der verstorbene Papst verdeutlicht diesen Umstand, indem er im “Evangelium des Lebens“ feststellt: „Wer daher nach dem Leben des Menschen trachtet, trachtet Gott selbst nach dem Leben, denn das Leben, besonders das menschliche Leben gehört allein Gott.“113 Aber nicht nur die Majestät Gottes wird durch einen Aushebelungsversuch seiner Schöpfungsgesetze beleidigt, der Mensch entwürdigt sich selbst, das Menschengeschlecht insgesamt und „schwächt die innersten Kräfte des Volkes“.114

Die “Gender“-Ideologie kämpft aber auch gegen die Kinder Gottes, insbesondere gegen die katholische Kirche, weil diese international die einzige Bastion des Widerstandes ist, aber auch gegen das ungeborene Kind, indem diese Ideologie die Abtreibung zum “Menschenrecht“ erklären möchte. So proklamiert die bereits mehrfach erwähnte Abtreibungsorganisation IPPF in ihrem Jahresbericht 2007/2008: „der Zugang zu sicherer und legaler Abtreibung sei ein >Menschenrechtsimperium<. Zwischen 2005 und 2007 verdreifachten die IPPF und ihre Mitgliedsorganisationen(…)weltweit ihre Dienstleistungen rund um Abtreibung.“115

Befürworter des Schwangerschaftsabbruchs wehren sich gegen den Begriff “Mord“ in Verbindung mit Abtreibung, denn dieser bezeichnet eine bewusste und gewollte Tötung eines unschuldigen Menschen. „Objektiv ist die Abtreibung Mord, aber aufgrund subjektiver Schuldminderungsgründe sind die Abtreibenden nicht gleich Mörder“116, erklärt die Kirche. Wenn sich liberale Gruppierungen auch oft als Gegner des Krieges und der Todesstrafe ausgeben, wollen sie nicht einsehen, dass bei Abtreibungen „Konfliktsituationen durch Töten von Menschen“ zu lösen versucht werden.117

“Gender“ kämpft aber auch gegen das geborene Kind, indem sie die Familie zerstört, den unersetzbaren Ort der Bildung gesunder Persönlichkeiten und der Weitergabe von Kultur und Glaube. Schlussendlich nimmt sie die Familie ins Visier, weil sie ihr ideologisch, sozial und materiell die Existenzbasis entzieht.118  

Eine nicht intakte Familie ohne Glaubenswurzeln lässt sich leicht beeinflussen. Medien bearbeiten unaufhörlich ein verwässertes Bewusstsein des modernen Menschen, besonders des Heranwachsenden und rauben in großem Maße die Gesellschaftswurzeln durch eine propagierte “Kultur des Todes“, durch eine angetriebene Übersexualisierung, in Verbindung mit dem Gutheißen homosexueller Verbindungen und künstlicher Geburtenregelungen. Besonders auf die Folgen letzt genannter wies bereits Papst Paul VI. in der Enzyklika Humanae Vitae1968 hellsichtig hin, denn er erkannte, dass sich bei „solcher Handlungsweise ein breiter und leichter Weg einerseits zur ehelichen Untreue, andererseits zur allgemeinen Aufweichung der sittlichen Zucht auftun könnte.“119    

Eine menschenwürdige Begegnung der Geschlechter fällt in einer verderbten und  pervertierten Gesellschaft, in welcher Sünde zum Maßstab, Tugend jedoch profaniert und lächerlich gemacht wird, schwer. Die heutige Generation ist mehr denn je den Machenschaften von Abtreibungslobbyisten und sonstigen “Werterneuerern“ ausgeliefert. Politiker hohen Ranges bekennen sich zu Gottes Geboten entgegen stehenden Verbindungen  und leben offen in homosexuellen oder eheähnlichen Lebensgemeinschaften. Dabei genießen sie den Schutz der Medienwelt, die sich ihrerseits lediglich auf die Verfehlungen der einzelnen Glieder der katholischen Kirche zu konzentrieren scheint, um Missstände anzuklagen, welche andererseits erziehungs- und bildungspolitisch bereits Kleinkindern in Schulen im Bereich sexueller Zwangsaufklärung anerzogen wird.  Am Höhepunkt der sexuellen Revolution in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war es nicht einmal verpönt „für die Liberalisierung des Geschlechtsverkehrs zwischen Erwachsenen und Kindern einzutreten.“120   

In einer solchen Gesellschaft sollte es nicht verwundern, dass hoch dotierte Preise seit Jahren unter anderem einer bekennenden Homosexuellen, der amerikanischen Philosophin J. Butler, dafür überreicht werden, dass sie für die Abschaffung des Inzesttabus und der Geschlechterhierarchie und- Identität, welche eine „Zwangsheterosexualität stützen“121, plädiert. Nach J. Butler führt eine Polarität der Geschlechter zwangsläufig zu einer Hierarchie, wodurch dem Mann automatisch Macht über die Frau gegeben wird und damit der Mensch in die Heterosexualität gezwungen wird.122  

Das Ziel dieser das christliche Wertesystem unterwandernden “Gender-Philosophie“ ist die Aufhebung der Trennung von Mann und Frau als geschlechtsspezifische Personen, um Frauen von den Männern zu befreien. Damit wäre, wie es die Abtreibungsaktivistin Alice Schwarzer formuliert – für die Muttersein eine Schande bedeutet -, die Frau nicht mehr zur Gebärmaschine degradiert.123 Derartige Kampangen sich von der Männerwelt unterdrückt, verfolgt und ausgebeutet vorkommender Feministinnen beeinflussen die seelische Lage der “ungewollt“ Schwangeren, denen auf diese Weise eine Abtreibung als Befreiungs-, Stärke- und Machtmittel bewusst oder unbewusst einsuggeriert wird.124    

Hinter all den angeblich “menschen- und vor allem frauenfreundlichen“ Regimes mit ihren “Free-Choice“-Vertretern und Vertreterinnen verbergen sich in Wahrheit lebensfeindliche, antichristliche Institutionen und Ideologien, gegen welche die katholische Kirche als Mutter des Lebens zu Felde zieht.

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107  S. Ernst, Ein Arzt zieht Bilanz, in: Roland Süßmuth(Hrsg.), Empfängnisverhütung,  Holzgerlingen 2000, S. 1217. 

108  Ebd.

109  Vgl., G. Wloka, Warum ich keine Anti-Baby-Pille verschreibe, in: R. Süßmuth(Hrsg.), Empfängnisverhütung, Holzgerlingen 2000, S. 1139.

110  Ebd., S. 1138.

111  S. Firestone, Frauenbefreiung und sexuelle Revolution, Frankfurt 1987, S. 18f.

112  Vgl., Vgl., J. Piegsa, Ehe als Sakrament – Familie als “Hauskirche“, Band I, St. Ottilien 2001, S. 219-220.

113  Ev 9.

114  Vgl., MeM 194.

115  S. Kuby, Fördert die EU Abtreibungen in Entwicklungsländern?, in: LebensForum, Zeitschrift der Aktion        Lebensrecht für Alle e.V., 2. Quartal 2012, Nr. 102, S. 17.

116  Vgl., J. Piegsa, Ehe als Sakrament – Familie als “Hauskirche“, Band I, St. Ottilien 2001, S. 224.

117  Ebd.

118  Vgl., G. Kuby, Gender Mainstreaming: die (un)heimliche Revolution, in: Vatican Magazin 11/2008, S. 34.

119  Hv 17.

120  M. von Gersdorf, Der Kampf ums Leben, Aktion “SOS-LEBEN“ CVCK e.V., Frankfurt am Main 2012, S.   38.

121  G. Kuby, Die Ideenlieferantin, in: Die Tagespost, Ausgabe 109 vom 11.09.2012, S. 9.

122  Vgl., ebd.

123  Vgl., M. von Gersdorf, Der Kampf ums Leben, Aktion “SOS-LEBEN“ CVCK e.V., Frankfurt am Main 2012,     S. 34.

124  Vgl., ebd., S. 39.