Fragen zur Abtreibung

Nachfolgend Auszüge aus der Magisterarbeit „Die katholische Kirche als Hüterin des ungeborenen Lebens und einer menschenwürdigen Begegnung der Geschlechter“ von Christian M. Gerl(M.A.)

Einführung: Der Fall in Wien 

Zu Beginn des Jahres 2008 stand ich an einem vorlesungsfreien Donnerstag gegenüber einer Abtreibungsklinik in Wien. Zum ersten Mal befand ich mich auf diesem Terrain, nachdem ich zuvor lediglich an einigen Gebetsvigilien für das ungeborene Leben teilgenommen hatte. Dort wurde ich auf das Thema Lebensschutz aufmerksam. Während ich in der Poststrasse um Schutz für die Ungeborenen und ihre Eltern betete, beobachtete ich eine junge Frau, wie sie sich angeregt mit einer Schwangerschaftskonfliktbe – raterin des nahe gelegenen Pro-Life Lebenszentrums des ´Human Life International`(HLI) unterhielt. Die Beraterin konnte die vermeintlich Schwangere davon überzeugen mit ihr zu einem ausführlicheren Gespräch in das Lebenszentrum zu kommen. Nach einer halbstündigen Beratung beobachtete ich dieselbe junge Frau, wie sie eilig hinter der Tür der Abtreibungsklinik verschwand.  

Nach ungefähr zwei Stunden musste ich jenes Szenario miterleben, das mir seither die Dringlichkeit und Ernsthaftigkeit des Schutzes ungeborenen Lebens und Müttern in Not auf das deutlichste vor Augen führte und welches ich in dieser Intensität seitdem nicht wieder erleben sollte. Eine, in Tränen aufgelöste, fast nicht mehr wieder zu erkennende Frau, verließ schreiend die Klinik und suchte Trost in den Armen der immer noch vor der Abtreibungsklinik positionierten Beraterin. Wie mir später berichtet wurde, entschied sich die 17jährige Jugendliche – angeblich nach vielen und langen inneren Kämpfen – letztendlich doch dazu ihre Zwillinge im Bauch abzutreiben. Sie entschuldigte ihre Entscheidung damit, dass es eben nur zwei – wie man ihr in der Klinik sagte – “Zellklumpen“ wären, und das Jugendamt die “Schwangerschaftsunterbrechung“ bezahlen würde. Bei nur einem Kind hätte sie sich vielleicht dazu durchringen können und es unter Umständen  behalten, meinte sie. Alle Betroffenen beweinten anschließend den bitteren Tod dieser beiden Babys und das Schicksal der jungen Mutter, die sich der Tragweite ihrer Entscheidung sofort nach dem Eingriff bewusst geworden war.  

Das geschilderte Erlebnis beeinflusste entscheidend meinen weiteren Lebensweg, so dass ich  kurze Zeit später entschloss, mich eingehender und mit erhöhtem Einsatz dem Kampf gegen die “Kultur des Todes“1 zu widmen.    
Das Wort ´Mutter` charakterisiert in der Regel eine Frau als Schützerin, Behüterin und Versorgerin ihres Nachwuchses. Selbst wenn im oben genannten Fall eine junge Schwangere dieser Rolle nicht entsprach, entsprechen konnte oder wollte, so wird sie – sollte sie in Zukunft noch Nachwuchs bekommen oder nicht – dennoch auch immer Mutter dieser beiden abgetriebenen Kinder bleiben, deren Tod sie selbst veranlasst hat. Dies ist der tragische Umstand und die schicksalsträchtige Gewissheit aller Mütter abgetriebener Babys, ob von außen dazu beeinflusst, bedrängt oder nicht, sich früher oder später dieser Feststellung bewusst zu werden, die Kinder als Geschenke Gottes(vgl. Ps 127,3) nicht angenommen zu haben. Die daraus entstehenden Folgen beeinträchtigen nicht nur das Leben der Betroffenen und aller Beteiligten, sondern wirken sich darüber hinaus schädlich auf die gesamte Weltbevölkerung aus, in der laut der ´Weltgesundheitsorganisation`(WHO) jährlich über fünfzig Millionen Abtreibungen durchgeführt werden.2  
                                               

Weitere „Anzeichen besorgniserregender Verkümmerung fundamentaler Werte“3 stellen die steigende Zahl der Ehescheidungen, die immer häufigere Sterilisierung, das Aufkommen einer regelrechten empfängnisfeindlichen Mentalität durch chemische Verhütungsmittel und eine stark forcierte Euthanasie dar. Zu dieser Liste müssen laut Papst Johannes Paul II. auch unverantwortliche Praktiken der Gentechnik angeführt werden, wie das Klonen und die Verwertung menschlicher Embryonen für die Forschung, „die man mit einer unzulässigen Bezugnahme auf die Freiheit, auf den Fortschritt der Kultur, auf die Förderung der menschlichen Entwicklung zu rechtfertigen sucht.“4  

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Kind in der 12. Schwangerschaftswoche

Der zeitliche und statistische Zusammenhang zwischen der künstlichen Empfängnisverhütung einerseits und der Legalisierung der Abtreibung mit dem unaufhaltsamen Anstieg der Abtreibungszahlen andererseits, sind unübersehbar. Man rechnet allein in Deutschland mit über neun Millionen Abtreibungen seit 1974 und schätzt die Zahl getöteter Babys in diesem Land zur Jahrtausendwende auf eintausend pro Tag, wobei Frühabtreibungen, welche durch eine die Einnistung des Eies in die Gebärmutter  hemmende Wirkung der “Pille“ und Spirale  hervorgerufen werden, noch nicht mitgerechnet sind.  Weil sie aber die künstliche Empfängnisverhütung gänzlich ablehnt, „wird die Kirche oftmals beschuldigt der Abtreibung Vorschub zu leisten.“5  

145eac1860bDer katholischen Kirche ist es jedoch seit jeher bewusst, dass es zu einer ihrer dringlichsten Aufgaben gehört das menschliche Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod zu verteidigen6, denn das „erste Recht der menschlichen Person ist das Recht auf Leben“.7 

Wie und warum die Kirche vorrangig den Ungeborenen und den leidenden Frauen und Männern(als Väter) vor und nach einer Abtreibung Mutter ist und wie sie als Hüterin einer menschenwürdigen Begegnung der Geschlechter versucht im 20. und 21. Jahrhundert diesem, in beängstigtem Ausmaße zunehmenden Sittenverfall zu begegnen, soll auf den nächsten Seiten dargelegt werden.                 
            

  

                                


1  Ev 21.

2  Vgl., R. Ehmann, Verhütungsmittel – verhängnisvolle Nebenwirkungen, über die man nicht spricht, in:  R. Süßmuth(Hrsg.), Empfängnisverhütung, Holzgerlingen 2000, S. 247.

3  Vgl., Fc 6.

4 Johannes Paul II., Weihnachtsbotschaft Urbi et Orbi vom Jahre 2000, in: W. Skowronska, Beter am Straßenrand, Jetstetten 2009, S. 185.

5  Vgl., M. Spieker, Menschenwürdige Sexualität, in Medizin & Ideologie, Informationsblatt der Europäischen Ärzteaktion, 34. Jahrgang, 1/2012, S. 23.

6   Vgl., DH 4550.

7   Ebd., 4552.