Warum wird abgetrieben?

Nachfolgend Auszüge aus der Magisterarbeit „Die katholische Kirche als Hüterin des ungeborenen Lebens und einer menschenwürdigen Begegnung der Geschlechter“ von Christian M. Gerl(M.A.)

In einer der ältesten überlieferten Schriftgüter christlichen Glaubens formuliert der Verfasserder Zwölfapostellehre folgendes Gebot: „Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht Knaben schänden, du sollst nicht huren, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht Zauberei treiben, du sollst nicht Gift mischen, du sollst nicht ein Kind durch Abtreibung morden, und du sollst das Neugeborene nicht töten.“8

Was bereits im frühen ersten Jahrhundert als grober Verstoß ethnischen Handelns verurteilt wurde, gilt bis heute ungebrochen für die Kirche als schweres Vergehen gegen das sittliche Gesetz.9 Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil werden Abtreibung und damit die Tötung eines Kindes gar als „verabscheuungswürdige Verbrechen“10 bezeichnet und mit der Tatstrafe der Exkommunikation sofort nach erfolgter Ausführung der Tötung eines Ungeborenen belegt.11
Waren es in Zeiten des Urchristentums im dritten Jahrhundert noch einzelne römische Frauen, die, um christliche Männer zu ehelichen, Sklaven heirateten – das Kind eines Sklaven nach römischen Recht galt aber selbst als Sklave, was sie zurück schrecken ließ und die christlichen Römerinnen deshalb Formen von Verhütung und Abtreibung praktizierten -,  so sind es zu Beginn des dritten Jahrtausends im christlichen Westen größtenteils junge Frauen, die aufgrund bedrohter Karriereaussichten oder sonstiger, das freie Leben beschneidender Sorgen zu Kontrazeptionsmitteln greifen und abtreiben. Diese “Kultur des Todes“ hat nach Meinung des seligen Johannes Paul II. „ihre Wurzeln in einer Mentalität, die von Hedonismus und Ablehnung jeder Verantwortlichkeit gegenüber der Sexualität bestimmt wird, und unterstellen einen egoistischen Freiheitsbegriff, der in der Zeugung ein Hindernis für die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit sieht.“12   

Gespräche mit Betroffenen vor Abtreibungsanstalten offenbaren weitere, eher individuelle Beweggründe heutiger “Contra-Life-Einstellungen“ von Müttern und Vätern. Es sind dies vor allem Ängste vor einer bevor stehenden möglichen Überlastung aufgrund einer eventuellen Behinderung des Kindes. Durch gesetzlich erlaubte vorgeburtliche Diagnosen können und dürfen Schwangere frühzeitig angeborene Schäden ihrer Kinder im Mutterleib untersuchen lassen und sich problemlos – bereits nur bei begründetem Verdacht – einen Schein zum gesetzlich erlaubten “Schwangerschaftsabbruch“ ausstellen lassen. In den meisten Industrieländern wurde die pränatale Diagnose bei über 35jährigen Schwangeren bisher meist routinemäßig durchgeführt;13 seit dem 20. August 2012 sind in Deutschland neue Bluttestverfahren zur Feststellung von ´Trisomie 21`(Down-Syndrom) für Schwangere jeden Alters vorgesehen und erlaubt.

siehe einen Kurzclip über ein Down-Syndrom Kind, das seine Abtreibung überlebte: 

Markus Lenz, ZDF, Ausschnitt der Sendung vom 02. Juli 2015 (ab 0:52 min!!!)

„Die liberalisierende Entwicklung im strafgesetzlichen Bereich führte in der Öffentlichkeit – unter dem Einfluss der Medien – zur Verstärkung der Meinung, es gäbe ein >Recht auf Abtreibung<. So wurde die >selektive Mentalität< in Bezug auf die Ungeborenen >bereits traurige Realität<“.14 

Aber auch gesund geborene Kinder überlasten heute viele Eltern. Wenngleich in Zeiten gesteigerten Wohlstandes, erachten viele Frauen und Männer dieser Generation Kinder als “Luxus“ und regulieren selbst durch antikonzeptionelle, meist inhumane Maßnahmen die Größe ihrer Familie. Schon mit einem zweiten oder dritten Kind fühlen sich in dieser Zeit häufig Väter und Mütter überfordert, da sie in einer Gesellschaft leben, in der Selbstverwirklichung, verbunden mit einem hohen Anspruch an Freiheit, Lebensstandart und Ansehen im Vordergrund stehen und in welcher in freier Wirtschaft arbeitende Frauen oder kinderlose Models gegenüber den “normalen Hausfrauen“ als Vorzeigemodelle gelten. Die uns durch die Medienwelt vorgespielten “Musterbeispiele“ Karriere- und Schönheit bewusster “Idealfrauen“ beeinflussen – zumindest unbewusst –  werdende junge Mütter in Schul- oder Lehrausbildung bei der Entscheidung pro oder contra Kind. Darüber hinaus beeinträchtigen  die Angehörigen(zumeist die Eltern) das Gewissen ihrer Töchter, frühmöglich zur “Anti-Baby-Pille“, bzw. bei einem Scheitern der Kontrazeption, zum Mittel der Abtreibung zu greifen, damit das junge Leben nicht durch ein unvorhergesehenes Kind “verpfuscht“ wird. Die Erfahrung in der Schwangerschaftskonfliktberatung macht deutlich, dass zu 80% äußere Einflüsse durch Verwandte und Freunde, die es gut zu meinen glauben, dazu beitragen, dass gerade sehr junge Schwangere und die Kindsväter oft zu übereilten Entscheidungen bezüglich eines baldigen “Abbruches der Schwangerschaft“ gedrängt, teilweise sogar dazu genötigt werden. Selten entscheidet eine junge Mutter frei und unvoreingenommen über das Weiterleben ihres Babys im Mutterleib. Die Praxis zeigt, dass viele junge Mütter lediglich ein Pro-Life eingestelltes Umfeld entbehren und sie oft aufgrund eines aufmunternden Wortes und der zugesicherten Hilfe eines Beraters/einer Beraterin oder einer Freundin, aber insbesondere durch den Zuspruch des Vaters des Kindes ein ´Ja`  zu ihrem Nachwuchs leichter aussprechen. 

In den meisten Fällen einer geplanten Abtreibung versagte das Verhütungsmittel oder wurde die Einnahme eines oralen Kontrazeptiva vergessen und die Eltern des nicht geplanten Kindes stehen vor der für sie schweren Entscheidung, dem “unangemeldeten Neuzugang“ das Leben zu gewähren oder es ihm zu verweigern. Dabei geraten Schwangere – auch bedingt durch die hormonelle Umstellung – oft in regelrechte Paniksituationen, denn zwischen der festgestellten Schwangerschaft und der Frist der 12. WocheSchwangerschaftstest verbleiben nur wenige Wochen der Entscheidung, in denen sich die Mütter sehr oft von ihrem Umfeld im Stich gelassen und isoliert fühlen. Dabei wirken die Gesundheitsexperten der Beratungsstellen an der Entscheidung für die Abtreibung indirekt mit, weil sie sich distanzieren, anstatt positive Unterstützung anzubieten. Dadurch verstärken sie den Entschluss der Mutter, eine Abtreibung vornehmen zu lassen.15 Oft hört man Betroffene nach dem Eingriff sagen: “Hätte ich das gewusst…!“ Auch sind jene Fälle nicht selten, wo das Baby wegen eines Seitensprunges eines Elternteiles nicht geboren werden soll und der Bekannten- und Verwandtenkreis nicht zur Entscheidungshilfe miteinbezogen wird, weil die Schwangerschaft vertuscht werden muss. Besonders muslimische Frauen werden meist von großen Ängsten vor Sanktionen seitens der Verwandtschaft beherrscht, da sie als Unverheiratete mit einem unehelichen Kind Schande über die Familie bringen würden. In einigen Ländern fallen besonders Mädchen vorgeburtlichen Tötungen zum Opfer, weil die Gesellschaft Jungen bevorzugt. Neben den “Ein-Kind-Ländern“ China und Japan sind es neuerdings auch die Vereinigten Staaten, wo von einer Lebensschutzorganisation die Vernichtung von Mädchen in großem Stil aufgedeckt wurde.16    

In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts errechneten Experten bei einem angenommenen jährlichen Wachstum von 2 % einen Anstieg der Weltbevölkerung auf einhundert Milliarden Menschen im Jahre 2100. Diese Zukunftsperspektiven bewirkten bei allen industrialisierten Nationen geradezu hysterische Reaktionen, wobei man bei der Berechnung von einer gleich bleibenden Fruchtbarkeit ausging. Diese fiel jedoch stark ab, so dass man derzeit mit einer Gesamtbevölkerung von zehn bis fünfzehn Milliarden Menschen bis zum Jahre 2100 rechnet.17  

In einer übersexualisierten Gesellschaft ohne Tabus und kaum praktiziertem Glauben, in welcher bereits Kindergartenkinder und Grundschüler im Zwangsunterricht durch Sexkoffer mit Verhütungsmittel und deren Anwendung vertraut gemacht werden und Familien mit vier und mehr Kindern als “abartig“ gelten, stellen befürchtete “Bevölkerungsexplosionen“ nur einen Scheinmantel gerechtfertigter Praktiken einer weltweiten Geburtenkontrolle oder Vorbeugung ansteckender Krankheiten wie HIV durch Verhütung mit Kondomen dar. Einer englischen Studie aus dem Jahre 1988 entnehmen wir, dass sich im Zusammenhang mit einer praktizierten “Sexualaufklärung“ in Südafrika von 1968 bis 1988 „die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei Minderjährigen von 9% auf einen Anteil von 36% erhöht hat“.18 Auch wenn Medien „mittels Schreckensvision einer überbevölkerten Welt das generative Verhalten, die Bereitschaft Kinder zu haben, bei uns entscheidend beeinflusst haben“,19 bleibt es Tatsache, dass die für das Ende des letzten Jahrhunderts für die ganze Welt prognostizierten, verheerenden Hungersnöte ausblieben; im Gegenteil: umgerechnet auf den pro Kopf Verbrauch der gesamten Weltbevölkerung, besäße die Menschheit heute mehr Nahrung als je zuvor. Im dicht besiedelten Deutschland wurden den Bauern 1993 sogar 915,7 Millionen DM bezahlt als Belohnung dafür, dass sie auf einem Teil ihrer Felder nichts anbauten. „10-15% der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Europäischen Union sind stillgelegt“, wurden also absichtlich brach gelegt, „damit Europa nicht in Nahrungsmitteln erstickt.“20

20 Jahre später wandern Grundnahrungsmittel der Europäischen Union in Biogasanlagen; Mais und Weizen für die Jahresernährung von 127 Millionen Menschen wird auf den weltweiten Produktionsflächen zur Biokraftstoff-Herstellung angebaut.21 Abfälle in Wien bestehen zu 50% aus Nahrungsmitteln, denn auch die Ablaufdaten der Lebensmittel werden meist sehr viel früher datiert, um einen möglichst hohen Absatz der Produkte zu gewährleisten. 20 Jahrhunderte nach Christi Geburt werden unerwünschte Babys und nicht gebrauchte Nahrungsmittel zeitgleich “recycelt“ oder “entsorgt“, was den deutlichen Weg der gesellschaftspolitisch anvisierten Abwehr einer vermeintlichen Überbevölkerung der Erde hin zur demographischen Katastrophe auf das Deutlichste aufzeigt und beweist.                                              

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  Didache,  2.2., unter: http://www-user.uni-bremen.de/~wie/texteapo/didache.html,(abgerufen am 10.06.2012).                                                                                                                        

9   KKK 227.                                                                                                                                                 

10  GS 51.                                                                                                                                                    

11  Vgl., CIC, can. 1398.                                                                                                                             

12  Ev 13.                                                                                                                                                      

13  A. Schwarz, Anti-Lebensmentalität und Abtreibung, in: R. Süßmuth(Hrsg.), Empfängnisverhütung, Holzgerlingen 2000, S. 328.                                                                              

14 J. Piegsa, Ehe als Sakrament – Familie als “Hauskirche“, Band I, St. Ottilien 2001, S. 226.             

15 Vgl., W. Skowronska, Beter am Straßenrand, Jetstetten 2009, S. 123.                                           

16 Vgl., Die Tagespost, Mädchen werden abgetrieben, 5.6.2012, S. 1.                                                 

17 Vgl., A. Zurfluh, Demographische Probleme der industrialisierten Welt, in: R. Süßmuth(Hrsg.), Empfängnisverhütung, Holzgerlingen 2000, S. 760.                                                                               

18 P. Lerch, Empfängnisverhütung aus der Sicht eines Gymnasiallehrers, in: R. Süßmuth(Hrsg.), Empfängnisverhütung, Holzgerlingen 2000, S. 1122.                                                                             

19 A. Zurfluh, Demographische Probleme der industrialisierten Welt, in: R. Süßmuth(Hrsg.), Empfängnisverhütung, Holzgerlingen 2000, S. 761.                                                                             

20 H. Schneider, Internationale Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung(ICPD), Kairo 5.-13.9.1994, in: R. Süßmuth(Hrsg.), Empfängnisverhütung, Holzgerlingen 2000, S. 1167-1168.  

21 Vgl., Neue Bildpost, Nr. 38, 22./23. September 2012, S. 1.